Frauenlager


Inhalt

Gesellschaftpolitische Funktion des Lagers
Struktur und Aufbau
Die ersten Häftlinge
Entwicklung der Häftlingsgesellschaft
Ausbau des Lagers und Außenlager
Das Ende
Die Befreiung

Gesellschaftspolitische Funktion des Lagers

Schutzhaftbefehl von Friedl S.

Durch den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich kamen alle Gesetze, die in Deutschland schrittweise in Kraft traten, in Österreich zu rascher Gültigkeit. Damit konnten politische GegnerInnen und Zeugen Jehovas mittels „Schutzhaftbefehl“ in Konzentrationslager eingewiesen werden. Vorbestrafte, sogenannte „Asoziale“, als „Zigeuner“ Verfolgte und Homosexuelle wurden mittels eines Vorbeugehaftbefehls in die KZ deportiert. Die Haftgründe mussten nicht mit dem Selbstverständnis der Häftlinge oder ihren Taten übereinstimmen. So reichte beispielsweise der bloße „Verdacht auf gewerbliche Unzucht“, um Frauen als „Asoziale“ zu überführen.[1] Diese Willkür bei den Verhaftungen ermöglichte es, sich unerwünschter Personen durch Einweisung ins KZ zu entledigen und die Bevölkerung einzuschüchtern.

Struktur und Aufbau

Teilansicht des Lagers, 1940/41
(Quelle: SS-Album, Mahn- und
Gedenkstätte Ravensbrück)



Lagerplan KZ Ravensbrück Anfang 1945 (Quelle: Bernhard Strebel 2003)

Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück unterschied sich kaum von anderen Konzentrations-lagern.[2] Es galt die gleiche hierarchische Einteilung von Häftlingen wie in anderen Lagern. Der Alltag verlief ebenso nach den gleichen Mustern: Morgenappell – Zwangsarbeit – Mittagspause (manchmal mit Mittagsappell) – Zwangsarbeit – Abendappell. Die Arbeit wurde von den Inhaftierten verrichtet (unter Aufsicht von Mithäftlingen, den sogenannten Funktionshäftlingen), lediglich die Überwachung der Arbeit und der Gefangenen geschah durch SS-Angehörige. Die Abschirmung nach außen erfolgte in zwei Kreisen, dem inneren und äußeren Überwachungsring. Die Bewachung im äußeren Kreis hatten SS-Männer des SS-Totenkopfwachsturmbannes über. Im inneren Kreis erfolgte sie jedoch – im Unterschied zu Konzentrationslagern, in denen ausschließlich Männer inhaftiert waren – von Frauen. Die Aufseherinnen taten für die SS Dienst, waren jedoch nicht Mitglieder der SS.[3]

Die ersten Häftlinge
Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, rund 80 km nördlich von Berlin gelegen, wurde im Mai 1939 eröffnet. Die ersten Inhaftierten waren Frauen, die vom KZ Lichtenburg nach Ravensbrück überstellt wurden. Darunter befanden sich auch viele Österreicherinnen. Eine von ihnen war die Kommunistin Hanna Sturm:
„So kommt der Mai 1939. Die Kisten werden verpackt und Hanna fährt mit den SS-Leuten und einer Aufseherin in das neue Lager. ‚Mecklenburg‘ kann Hanna durch den Riss der Plane lesen. Wald, nichts als Wald. Nach vierstündiger Fahrt ist man am Ziel. Hanna hat durch die Ritze die Sonne gesehen. Eine endlose Sandwüste, rings um die zwölf Baracken zieht sich eine hohe Mauer. In kurzen Entfernungen stehen Wachtürme, zurzeit noch unbesetzt: Stacheldraht oben, Stacheldraht unten an der Mauer. ‚Und das soll das Sanatorium sein, von dem die Aufseherinnen erzählt haben?‘ denkt Hanna. Die Baracken haben, so wie überall im geheiligten Dritten Reich, übereinander gestaffelte Betten. Am Anfang hatte noch jeder der Häftlinge sein Bett, aber bald füllte sich das Lager. Tausende werden eingeliefert und sie alle müssen Platz finden. Wo früher eine schlief, müssen jetzt zwei schlafen, zu meist fünf in zwei Betten von je 80 cm Breite. So beginnt das Inferno.“ [4]

Entwicklung der Häftlingsgesellschaft
Bis 1940 waren in Ravensbrück vorwiegend deutsche und österreichische Frauen inhaftiert, von denen die Zeuginnen Jehovas die größte Gruppe darstellten.[5] Im Jahr 1940 machten die „Asozialen“, darunter zahlreiche „Zigeunerinnen“, den Großteil der Häftlingsgesellschaft aus.[6] Unter ihnen befanden sich auch 440 als Zigeunerinnen verfolgte Burgenländerinnen im Alter von 15 bis 50 Jahren, sie waren am
29. Juni 1939 in das KZ Ravensbrück eingeliefert worden.
Die Jahre darauf stellten die politischen Häftlinge – davon der überwiegende Teil aus den besetzten Gebieten – den Großteil der Inhaftierten. In den letzten Monaten vor der Befreiung des Lagers gelangten Häftlinge vor allem durch Evakuierungstransporte nach Ravensbrück. Letztlich durchlitten mindestens 123.000 Frauen aus über 40 Nationen das KZ Ravensbrück [7] , unter ihnen mindestens 2.446 Österreicherinnen.[8]
28.000 Häftlinge starben aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen (Zwangsarbeit , Unterernährung , schlechte hygienische Zustände, etc.) und gezielter Tötungsaktionen im Lager.[9]

Ausbau des Lagers und Außenlager
Ravensbrück wurde im Laufe seines Bestehens ständig erweitert. Anfang 1945 umfasste es 32 Unterbringungsbaracken, wovon sieben als Krankenrevier benutzt wurden. Um den Ausbau voranzutreiben, wurde ab April 1941 ein angrenzendes Männerlager errichtet. Den männlichen Häftlingen oblag es, Fabrikstätten innerhalb oder nahe des Frauenlagers zu errichten. Die Arbeitskraft der inhaftierten Frauen sollte ausgebeutet werden. Daher entstand bereits 1940 der „Industriehof“ (Leder- und Textilverarbeitung), 1942 siedelte sich in Ravensbrück der Elektrokonzern Siemens & Halske an. Durch den Bedarf an Arbeitskräften wurden ab 1943 direkt bei kriegswichtigen Industrien Außenlager von Ravensbrück errichtet. Letztlich umfasste das KZ-System Ravensbrück 70 weitere Lager. Das Stammlager Ravensbrück diente als Drehscheibe für die Einweisungen in die Außenlager.
Die SS ließ ab Jänner 1945 das Jugendlager Uckermark räumen und nutzte das Areal als Vernichtungszone. Zudem wurde Ende 1944/Anfang 1945 in Ravensbrück eine Gaskammer in unmittelbarer Nähe des Krematoriums eingerichtet. Damit konnten die Massenermordungen direkt in Ravensbrück vorgenommen werden. Zuvor wurden alte und kranke Häftlinge, Jüdinnen sowie „Zigeunerinnen“ zur Vernichtung in Tötungsanstalten wie Bernburg/Saale oder Hartheim in Oberösterreich und in Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau oder Majdanek deportiert.

Das Ende
In den letzten Monaten war das Lager dramatisch überfüllt, was sich fatal auf die Überlebenschancen der Häftlinge auswirkte. Grund der Überfüllung war die durch den Vormarsch der Roten Armee bedingte Auflösung der KZ östlich von Deutschland. Die SS trieb in der Endphase tausende Häftlinge nach Ravensbrück. Erna Musik, eine Wiener Sozialistin mit jüdischen Wurzeln, überlebte nur knapp die Evakuierung von Auschwitz:
„Dann sind wir hinaus […] auf Todesmarsch. Hübsch ein paar Tage sind wir gegangen, in Eis und Schnee durch Oberschlesien. Für mich war es wie ein Jahr. Damals hab ich grad die Ruhr gehabt. Da hat man Durchfall und ständig Fieber. Ich hab fast nicht gehen können, obwohl ich mir anständige Schuhe organisiert hab. Die, die liegen geblieben sind, haben einen Genickschuss gekriegt. […] Und wenn ich nicht aufstehen konnte nach der Rast, hat meine Schwester mir immer eine Watsche gegeben, bis ich weiter gegangen bin. […] Wie wir nach Ravensbrück reingekommen sind, dafür fehlt mir jede Erinnerung. Die Käthe Sasso hat mir später erzählt, sie habe Österreicherinnen gesucht, heraus aus dem Riesentransport, und ich hätt mich gemeldet. Von ihr bin ich gepflegt worden dort, sie hat mir das erste Essen gebracht.“ [10]
Die Lagerleitung reagierte auf die Überfüllung mit Massentötungen, Verlegungen in andere KZs und Entlassungen.[11] Neben dem Lager Uckermark richtete die SS auch die „Krankenbaracken“ und das im Spätsommer 1944 aufgebaute Zelt als Sterbezonen ein.[12] Bis zur Räumung des Lagers wurden nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge ausgesondert und ermordet.

Die Befreiung
Mit Näherrücken der Roten Armee begann die SS, das Lager zu evakuieren. Noch am 27. April 1945 trieb die Lagerleitung 20.000 Häftlinge in Richtung Nordwesten aus dem Lager. Diese tagelangen Märsche kosteten noch vielen Frauen das Leben:
„Es waren Todesmärsche, weil sie gehofft haben, dass da unterwegs noch sehr viele Frauen draufgehen werden […] Aber man hat es gemerkt, man hat es förmlich gespürt ihre Angst schon. Und wir haben damals gesagt, wir werden nicht Rücksicht nehmen aufeinander, sondern jede wird versuchen auf eigene Faust zu flüchten, also damit die Welt erfährt, obwohl, die Welt hat es längst gewusst aber nichts unternommen, was in den Lagern geschehen ist.“ [13]
Zahlreiche Frauen nutzten das entstandene Chaos und flohen. Einige Frauen, die bei ihrer Flucht auf die Rote Armee trafen, blieben von sexuellen Übergriffen durch alliierte Soldaten nicht verschont:
„Ein Rotarmist, so ging’s in mir drinnen um, ist imstande, einem Häftling [zu vergewaltigen]. Und ich habe ihm gesagt, wir sind zwei Häftlinge, wir waren im KZ, und er sagt: ‚Was geht mich das an?‘ […] Und hat uns bedroht, also haben wir’s geschehen lassen. Wir waren so unglücklich, […] wir haben uns hingesetzt, wir haben geweint, wir haben so geweint und so geschluchzt. Wir waren nicht einmal als Frauen so beschämt, sondern als Frauen, die Hoffnung gesetzt haben in diese Rote Armee. […] deswegen sage ich immer, ich habe mich selber befreit. […] Wir haben 30 Jahre, 25 Jahre, ich weiß nicht, wie lange wir nichts darüber geredet haben, niemandem ein Wort gesagt haben, niemandem, überhaupt nicht.“ [14]
Im überwiegenden Teil der Häftlingserinnerungen wird die Rote Armee aber als positiv beschrieben. Als sie das Lager am 29. April 1945 erreichte, hatte es die SS längst geräumt; es waren lediglich 2.000 nicht mehr marschfähige Frauen und Männer zurückgeblieben.[15]
Die österreichischen Häftlinge mussten sich selbst um ihre Rückkehr kümmern: Rosa Jochmann und Friedl S. reisten nach Wien, um mit Hilfe der sowjetischen Besatzer einen Bus und einen LKW zu organisieren, der die Frauen aus Ravensbrück abholte. Am 16. bzw. 20.
Juli 1945 trafen sie in Wien ein. Viele machten sich aber eigenständig auf den Weg nach Hause, sie legten den Großteil der Strecke zu Fuß zurück.


[1] Bernhard Strebel, Das KZ Ravensbrück. Geschichte eines Lagerkomplexes (Paderborn 2003) S. 124.
[2] Das KZ Ravensbrück bestand wie andere KZ organisatorisch aus fünf Abteilungen: Kommandantur mit Adjutantur, Politische Abteilung (Vertretung der Gestapo im KZ), Schutzhaftlager, Verwaltung und Lagerarzt.  
[3] Simone Erpel, Einführung. In: dies. (Hg.): Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück (Berlin 2007) S. 15-36, hier S. 20f.
[4] Hanna Sturm, Die Lebensgeschichte einer Arbeiterin. Vom Burgenland nach Ravensbrück (Wien 1982) S. 266f.
[5] Strebel, Das KZ Ravensbrück, S. 103.
[6] Strebel, Das KZ Ravensbrück, S. 107.
[7] Strebel, Das KZ Ravensbrück, S. 508.
[8] Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr, ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück. Quantitative Auswertung der Datenbank (unveröffentlichter Forschungsbericht,
Wien 2012) S. 1.
[9] Strebel, Das KZ Ravensbrück, S. 510.
[10] Erna Musik, Nehmen, was geht. In: Karin Berger, Elisabeth Holzinger, Lotte Podgornik, Lisbeth N. Trallori (Hg.): Ich geb dir einen Mantel, daß Du ihn noch in Freiheit tragen kannst. Widerstehen im KZ. Österreichische Frauen erzählen (Wien 1987) S. 165-177, hier S. 172.
[11] Strebel, Das KZ Ravensbrück, S. 460.
[12] Strebel, Das KZ Ravensbrück, S. 460.
[13] Irma Trksak, IKF-Interview von Brigitte Halbmayr (1998).
[14] Anonymisiertes IKF-Interview von Brigitte Halbmayr (1998).
[15] Strebel, Das KZ Ravensbrück, S. 503.

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