Josefine Schneider

Josefine SCHNEIDER
Geboren am 8. Juli 1906
in Wien
Verfolgungsgrund: kommunistischer Widerstand, jüdische Abstammung
Biografische Daten
Porträt Josefine Schneider [1]


Aufwachsen – Politisierung – Widerstand im Austrofaschismus
Josefine Schneider wurde am 8. Juli 1906 in Wien in eine jüdische Familie geboren. Ihre Mutter Emma, geborene Schwitzer, verstarb bereits 1927 und der Vater, David Schneider, zog Josefine sowie ihre drei Geschwister alleine groß. Josefine Schneider – welche von ihrer Familie Fina genannt wurde – absolvierte eine Schneiderlehre und war als Verkäuferin tätig. Später sagte sie selbst über ihre Zeit in Wien folgendes aus:
„Ich wohnte in Wien in einem Arbeiterbezirk und infolge der Ereignisse des Jahres 1934 wurde ich eben Kommunistin.“ [2]


Josefine Schneider mit ihrem jüngeren Bruder Georg [3]
Im Jahr 1934, als die Februaraufstände der Sozialist*innen niedergeschlagen wurden und Engelbert Dollfuß eine Diktatur errichtete, verlagerte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Salzburg, wo sie im jüdischen Geschäft Kleiderhaus L. Ornstein in der Getreidegasse arbeitete. Auch in Salzburg setzte sie ihre Widerstandstätigkeit für die bereits seit Mai 1933 illegale Kommunistische Partei fort. Sie leistete Kurierdienste und versteckte ihren damaligen Freund Franz Riedler, der in Salzburg eine illegale kommunistische Widerstandsbewegung aufzubauen versuchte, in ihrer Wohnung. Gemeinsam verteilten sie Flugblätter der Roten Hilfe, einer Hilfsorganisation für politisch Verfolgte des Arbeiter*innenmilieus und deren Familien. Außerdem versuchten sie Mitglieder für die Kommunistische Partei anzuwerben. Nach einer kurzen Haft floh Riedler nach Spanien, um an der Seite der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Er starb am 8. Oktober 1937 in Murcia.

Verfolgungspraxis im Austrofaschismus
Josefine Schneider, die aufgrund ihrer politischen Gesinnung auch „rote Fini“ genannt wurde, galt im Austrofaschismus als „polizeibekannt“ und erhielt wegen ihrer kommunistischen Tätigkeiten ein Aufenthaltsverbot für Salzburg. Im Jahr 1936 kam es in Salzburg zu einem Gerichtsprozess gegen sie und fünf weitere Widerständige der illegalen Kommunistischen Partei, bei dem sie zu zwei Monaten Haft verurteilt wurde. Als Beweis für ihr widerständiges Verhalten wurden unter anderem von ihr verfasste Gedichte vorgelegt, die bei der Hausdurchsuchung gesichert wurden:

Trotz

Wollt ihr auch mit harten Worten
Oder gar gesalbten Reden
Und mit Listen des Juristen
Mich zur Umkehr überreden
Ich geh weiter meine Straße
Höre Eure Worte nicht
Denn ich weiß dass sich der Sonne
Licht durch dieses Dunkel bricht.

Wenn ihr mich auch für ein Weilchen
Aus dem Rad der Zeit gedreht
Weiß ich doch dass unterdessen
Draus‘ die Welt nicht stille steht.
Laßt mich ruhig auf dem Rande
Dieser breiten Straße liegen;
Werde rasten und mich stärken
Um am Ende doch zu siegen.

Jüdin, Kommunistin, Widerständisch
Josefine Schneiders Aktivitäten im Widerstand ließen nicht nach, sondern verlagerten sich vorerst nach Graz und später nach Innsbruck. Dort wurde sie im Mai 1938, also kurz nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich, als politische Jüdin verhaftet. Im Bericht der Gestapo heißt es dazu:
„Die Jüdin Schneider arbeitete hier in der K.P. unter dem Decknamen ‚Käthe‘ und hatte von der Zentralstelle in Wien den Auftrag, im Wege von Liebesverhältnissen mit Angehörigen der bewaffneten Macht, das kommunistische Gedankengut in das Heer zu tragen.“ [4]
Josefine Schneider wurde ohne Gerichtsprozess und Verurteilung am 24. Februar 1939 in das KZ Lichtenburg und am 15. Mai 1939 weiter in das KZ Ravensbrück deportiert. Dort überlebte sie trotz Zwangsarbeit und grauenvollen Bedingungen drei Jahre voller Qualen. Erhalten gebliebene Briefe belegen, wie sich Josefine Schneiders Familie bemühte, ihr eine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz zu besorgen, um ihre Entlassung zu erwirken. Doch spätestens seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war an eine Entlassung nicht mehr zu denken. Die immer trostloser werdenden Briefe offenbaren, dass dies auch Fina selbst bewusst war:
„[…] ich weiß leider nicht, was ich noch machen soll, Du hast doch das Möglichste getan”
oder an anderer Stelle:
“Ich bemühe mich, nicht hysterisch und nervös zu werden.“


Brief von Josefine Schneider aus dem KZ Ravensbrück [5]

Im KZ Ravensbrück
Die inhaftierten Frauen des KZ Ravensbrück wurden unter unmenschlichen Bedingungen zu Zwangsarbeit herangezogen. Über Josefine Schneiders Arbeitseinsatz ist wenig bekannt. Einen Eindruck von den Bedingungen vermitteln jedoch die Berichte anderer Überlebender wie Hanna Sturm, die ebenfalls als politische Widerstandskämpferin mit Josefine Schneider ins KZ kam, aber überlebte. In ihren autobiografischen Aufzeichnungen berichtete sie folgendes über das KZ Ravensbrück:
„Am schlimmsten sind die jüdischen Häftlinge dran, sie sind die Straßenbauer. Barfuß, nur in ein gestreiftes Kleid gesteckt, ziehen sie die schweren Straßenwalzen über die spitzen Steine. Die Füße bluten, der Draht, den sie über die Schulter gespannt haben, um die Walze zu ziehen, schneidet tief in die Schultern ein. Wunden über Wunden und die SS kennt kein Erbarmen. Wenn eine hinfällt, wird die Walze ohne Erbarmen über sie hinweggezogen. Keine darf ihr Helfen [sic!], keine darf sich umsehen.“ [6]
Das gewaltvolle Ende ihres Lebens ist dokumentiert: Ab 1941 wurden aufgrund einer Anweisung von Reichsführer SS Heinrich Himmler KZ-Häftlinge, sogenannte „Ballastexistenzen“ – also Menschen, die zu krank und zu schwach waren, um Zwangsarbeit zu verrichten – mit Sondertransporten in Tötungsstätten der NS-„Euthanasie“ verschleppt, um dort vergast zu werden. So wurde die mittlerweile 36-jährige Josefine Schneider im Frühling 1942 im Zuge der „Sonderbehandlung 14f13“ in die Tötungsanstalt Bernburg an der Saale gebracht und dort ermordet. Der 7. April 1942 fungiert als ihr offizieller Todestag.

Umkämpfte Erinnerungskultur

Josefine Schneiders Stolperstein in der Getreidegasse [7]
der beschädigte Stolperstein von Josefine Schneider [8]
Heute erinnert ein Stolperstein in der Getreidegasse in Salzburg an die widerständige „rote Fini“. Josefine Schneiders Schicksal war kein Einzelfall, sondern ein Beispiel für die komplexe Verfolgungspraxis des NS-Regimes, bei der politische, religiöse und rassistische Zuschreibungen oft miteinander verwoben waren. Sie wurde sowohl als Kommunistin als auch – nach den antisemitischen Kategorien der Nationalsozialisten – als Jüdin verfolgt, völlig unabhängig davon, ob sie selbst religiös war oder sich jüdisch verstand. Schließlich wurde sie in einer Tötungsanstalt der sogenannten NS-„Euthanasie“-Aktion ermordet.
Das öffentliche Erinnern an Opfer des Nationalsozialismus wie Josefine Schneider verläuft nicht konfliktfrei und spiegelt gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit wider. Österreich setzte sich lange nicht mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit auseinander. Bis heute bestreiten oder relativieren manche die NS-Verbrechen. Diese sind es auch, die das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus mutwillig zerstören. Ein Zeugnis für diese Haltung stellt auch die Geschichte des für Josefine Schneider in der Salzburger Getreidegasse verlegten Stolpersteins dar: Unbekannte Vandal*innen beschädigten nur einige Monate nach seiner Verlegung den Stolperstein. Er musste durch den Künstler Gunter Demnig im Jahr 2014 erneuert werden.


Josefine Schneiders Stolperstein in der Detailansicht [9]
© Eva Bammer

[1] © Alfred Klar Gesellschaft/ Personenkomitee Stolpersteine Salzburg
[2] BArch, R 3017/28047, Verhörprotokoll, 22.8.1938, S. 4.
[3] © Alfred Klar Gesellschaft/ Personenkomitee Stolpersteine Salzburg
[4] Hornmayr, Gisela (2019). Josefine Schneider (1906-1942). Eine Jüdin im kommunistischen Widerstand, in: Mitteilungen Alfred Klahr Gesellschaft Jg.26/Nr.3, September 2019, S. 1-6, hier 3.
[5] © Personenkomitee Stolpersteine Salzburg
[6] Sturm, Johanna (1982). Die Lebensgeschichte einer Arbeiterin: Vom Burgenland nach Ravensbrück, Wien, S. 279.
[7] © Sebastian Sillinger
[8] © wikicommons
[9] © Sebastian Sillinger